Ganz sicher kennen Sie Suggestionen, wie „Je entspannter du bist, umso wohler fühlst du dich.“

Und wenn Sie Hypnotiseur sind, verwenden Sie diese vielleicht. Warum das komplett nach hinten los gehen kann, lesen Sie jetzt.

Machen wir einen kleinen Exkurs in die Hintergründe.
Vorab: Im Biologieunterricht sollten wir gelernt haben, dass sich in der Entwicklung jedes einzelnen Wesens (Ontogenese) die Stufen wiederholen, die seine stammesgeschichtliche Entwicklung (Phylogenese) durchlaufen hat.  Bedeutet:  Mit jeder Sekunde der Entwicklung betritt ein Embryo ein neues Stadium, welches vergleichbar mit einer historischen Entwicklung des Lebens ist. Und mit jeder Stufe bilden sich höher organisierte Strukturen aus.

Die frühesten Formen des Nervensystems waren fadenförmig. Ein gutes Beispiel dafür ist immer der Wurm. Beim Menschen entspricht das dem ältesten Teil des Nervensystems, dem Rückenmark. Das ist der unbewusste Teil, der noch unterhalb des Unterbewusstseins liegt.

Darauf aufbauend gibt es als nächste Evolutionsstufe das sogenannte Instinktverhalten, welches vom Hypothalamus und vom Kleinhirn gesteuert wir. Atmung, Hunger, Durst, Verdauung und Sexualverhalten werden hier geregelt. Hier steigen wir langsam in den Bereich des Unterbewussten auf. Wir können Einfluss nehmen.

Der nächste entwicklungshistorische Schritt der Lebewesen ist das limbische System. Es ist der körperliche Träger für Gefühle.  Hier äußern sich Ängste und Gewohnheiten.

Nachfolgend kommt die Entwicklung des Großhirns ins Spiel. Hier geht es um bewusste Dinge/Handlungen, wie Sprache, Denken, Intelligenz, Kreativität usw.

Schauen wir uns an, was das für die Hypnose bedeuten kann.
Je tiefer der hypnotische Zustand, umso ursprünglicher und einfacher sind die Schichten des Unterbewusstseins, die angesprochen werden. Wir bewegen uns von neuzeitlich Komplexen bis hin zu geradlinigen Verarbeitungsweisen. Und so liegt es auf der Hand, dass Wortkonstruktionen reduziert und Kontext-Inhalte, die dem bewussten Verständnis dienen,  ausgeblendet werden. Die Suggestion wirkt direkt. Sehr direkt und „nackt“.

Kommen wir zurück zum eingangs erwähnten Beispiel-Satz. Was bleibt übrig? Was kommt im Unterbewusstsein in tiefer Trance wirklich an?

Die ursprüngliche Aussage ist im bewusstem Verständnis völlig in Ordnung: „Je entspannter du bist, umso wohler fühlst du dich.“
Gehen wir in tiefe Trance, so ändert sich einiges. Das Wort „je“ verliert die Bedeutung, denn jetzt geht es nur noch um die ganz direkte Information. Es entfällt das „ent“ als eine dem Bewusstsein bekannte Vorsilbe. Sie wird einfach abgeschnitten. „du bist“ ist eine direkte Ansprache in einfacher Form, die auch so verstanden wird. „umso“ leitet eine neuzeitlich orientierte Kontext-Konstruktion ein, die in tiefer Trance ausgeblendet wird. Das Wohlfühlen aber ist dem Unterbewussten sehr gut bekannt.

Sie erkennen jetzt, was übrig bleibt und ganz direkt ins Unterbewusste geht?
„Spannung erzeugt Wohlbefinden - bei dir“.  Ganz genau so, wie es da steht.

Wenn aufgrund hypnotischer Suggestionen Spannung eine Emotion des Wohlfühlens auslöst, so bleibt das nicht ohne Folgen. Es mag kurzfristig helfen, um Energietiefs oder Stress zu überdecken.  Auf lange Sicht vertieft es das eigentliche Problem. Und am Ende wundert man sich, warum das Ergebnis der Hypnose nicht wunschgemäß ist.
Eine gute Alternative für das Wort „Entspannung“  wäre beispielsweise „Ruhe“.  Es ist ursprünglich, kurz und prägnant. Es bezeichnet genau das, wonach ein Mensch im tiefsten Inneren sucht, wenn er nach Entspannung fragt.

Entwarnung gibt es für die leichte bis mittlere Trance. Hier ist die bewusste Komponente noch stark genug, um zu „übersetzen“.

Mein Fazit: Hypnose bleibt spannend ;-)

 

verfasst von: Kerstin Musielik, Hypnotiseure NRW